Entschleunigung: Drei Dinge, die mir Angst machen, wenn ich an die Zukunft denke

rest von Hans unter CC 0
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Der Start-up-Gründer Tariq Krim war überzeugt, dass das Internet die Welt besser macht. Bis ihn das digitale Fast Food im Kopf fast um den Verstand brachte.

von Tariq Krim

Es ging mir nicht gut in den letzten Jahren, einige meiner Freunde wissen das. Ich war ohne Halt, mein Körper und mein Geist drifteten auseinander, trieben wie im Ozean, wohin die Strömung sie trug. Ein unheimliches Gefühl. Und ich wusste genau, woher es kam. Meine Liebe für die Welt der Technik ist erloschen, meine Begeisterung für die Zukunft verflogen. Zumindest für jene Zukunft, die heute gestaltet wird.

Seit den schrecklichen Anschlägen von Paris im vergangenen Jahr stelle ich mir immer wieder dieselbe Frage: Wenn die Welt, an der wir arbeiten, so fantastisch ist, warum sollte dann jemand zu einem Gewehr greifen und meine Freunde erschießen? Ich habe auf diese Frage keine Antwort gefunden. Deshalb bin ich aus Paris abgehauen und an den erstbesten Ort gereist, der mir einfiel: Bali. Ich driftete weiter.

Bali hat mich völlig verändert. Weit weg von den Wirren der Welt war es auf einmal möglich, die Geschwindigkeit zu drosseln und den Grund für mein beständiges Unwohlsein besser zu verstehen. Die Welt der Technik lehrt uns, Dinge schnell zu machen. Manchmal zu schnell. Denn das Leben und die Menschen sind keine programmierten Zeilen aus Code. Wir können nicht einfach alles zerschlagen, nur um zu sehen, ob es hinterher auch anders funktioniert. Alles, was im Internet erschaffen wird, kann einen enormen Einfluss auf die analoge Welt entwickeln. Viel zu selten aber machen wir uns Gedanken über die Konsequenzen dessen, was wir erschaffen. Der Kampf um Aufmerksamkeit hat langsam, aber sicher die Werte der Gründerväter des Internets verdrängt.

Mein Leben betreffen diese Veränderungen dessen, was Technik ist und will, sehr direkt. Jeder Tag steht unter ihrem Einfluss. Wenn ich an die Zukunft denke, sind es vor allem drei Dinge, die mir Angst machen.

Tariq Kim ist ein Start-up-Unternehmer und Angel Investor. Der 1972 in Paris geborene ehemalige Journalist ist Gründer von Netvibes und der Cloud Computing Platform Jolicloud und spricht weltweit zur Entwicklung des Internets und zu digitaler Innovation. Für seine Verdienste als Publizist und Unternehmer wurde er u. a. mit dem französischen Orden der Künste und der Literatur ausgezeichnet.

Erstens: das Ende des Eigentums

Für viele Menschen bedeutet der Eintritt in die neue digitale Welt das Ende allen Eigentums. Am Anfang war dieser Gedanke vor allem konzeptuell. Heute kann ich sehen, welche Wirkung er auf meinen Alltag hat. Früher besaß ich CDs, Bücher, Magazine, Kunstwerke und vieles andere, das mir half, meine Persönlichkeit auszudrücken. Heute abonniere ich alles digital. Ich habe mir nie Gedanken gemacht, wenn ich einen Service abonniert habe, bis ich bemerkte, dass deshalb in Paris und auch sonst überall, wo ich hinkomme, Buchläden, Plattenläden und sogar Bibliotheken schließen. Dass Magazine deshalb im Kampf ums Überleben Teile ihrer Identität an Werbekunden verkaufen. Dass Kultur mehr und mehr zur Ware verkommt. Dann und wann, wenn ein berühmter Künstler stirbt, glüht mein Newsfeed vor kurzen Nostalgievideos, schnell über die Nacht zusammengeschnitten. Nach mehr als dreißig Jahren online bin ich heute überzeugt, dass die Offlinewelt Subkulturen viel mehr Respekt entgegenbringt als die digitale Welt. Die Megaplattformen sind McDonald’s für unsere Köpfe.

Das alles macht mir große Angst. Menschen, die nichts besitzen, haben auch nichts zu verlieren.

Zweitens: die Wahl des Algorithmus

Meine Beziehung zu Inhalten und Ideen war immer obsessiv und intensiv. Es fällt mir schwer, zu akzeptieren, dass heute eine Maschine entscheidet, was relevant für mich ist. Denn egal wie gut ein Algorithmus ist: Er bleibt eine Blackbox, über die man wenig Kontrolle hat.

Natürlich kenne ich die Argumente für maschinengesteuerte Filter. Wir leben in einer so betriebsamen Welt, unsere Freunde produzieren enorme Mengen an Information (oder Lärm), dass wir eine Instanz brauchen, die sie sorgsam ordnet. Aber sind wir tatsächlich so mit unserem Leben beschäftigt? Oder mit unseren Tools? Die Designphilosophie, die technischen Anwendungen derzeit zugrunde liegt, lehne ich ab.
Die Unmöglichkeit der Verlangsamung

Ich glaube nicht, dass wir maschinelles Lernen optimieren und überall zur Anwendung bringen sollten. Im Leben und bei der Suche nach guten Inhalten geht es darum, sein Glück im Chaos und der Unvorhersehbarkeit zu finden. Es geht um Zufallsfunde und Ratschläge unter Freunden. Es geht um all die kleinen Dinge, die Technik in Zukunft unmöglich machen will.

Drittens: die Unmöglichkeit der Verlangsamung

Während Meditation und Achtsamkeit im Silicon Valley immer beliebter werden, werden dort gleichzeitig Produkte entwickelt, die im wesentlichen Zeitdruck und Stress erhöhen.

Die Dunbar-Zahl, die angibt, mit wie vielen Personen ein Mensch sinnvoll freundschaftlich interagieren kann, liegt bei etwa 120 Personen. Wir aber stellen dank sozialer Netzwerke täglich neue Rekorde auf, mit wie vielen Menschen wir kommunizieren können.

Die meisten Funktionen meines Telefons können mir nicht dabei helfen, den Moment zu genießen, denn kein Tool ist für die Gegenwart gemacht. Aus einem einfachen Grund: Vergangenheit und Gegenwart sind im heutigen Internet uninteressant. Der neue Goldrausch dreht sich darum, die nahe Zukunft zu dominieren. Online sind unser nächster Klick, unsere nächste Absicht, unser nächster Chat und unser Suchverhalten Handlungen geworden, mit denen sich Geld verdienen lässt.

Das verändert, wer wir sind. Egal wo wir sind, drängt es uns, unseren Freunden mitzuteilen, was wir gerade tun. Der Wille, andere zu beeindrucken, kommt vor der bewussten Wahrnehmung der Gegenwart. Ständig sind wir in unzählige Dialoge verstrickt, mit Menschen oder Robotern. Ständig versuchen unsere Telefone mit Benachrichtigungen auf sich aufmerksam zu machen.

Wie so viele war ich diesem Technikwahnsinn der vergangenen zehn Jahre verfallen. Ich habe Plattformen mit Milliarden Nutzern entstehen sehen, ohne mich je zu fragen, wie sie die Welt beeinflussen, in der wir leben.

Jetzt versuche ich diese Debatte anzustoßen, aber sie ist in der Tech-Welt tabu. Wir haben eine Welt erschaffen, die für diesen Planeten und unsere Gehirne in keiner Weise nachhaltig ist. Ernsthaft, müssen wir den Leuten jedes Jahr ein etwas besseres Telefon mit einer marginal besseren Software verkaufen?

Ich wünschte, etwas anderes könnte entstehen. Eine Art Slow Web, das für die Technologiebranche bewirkt, was die Slow-Food-Bewegung für die Lebensmittelindustrie bewirkt hat.

Die Menschen brauchen Zugang zu anderen Möglichkeiten, zu anderen Lebensentwürfen und Tools und anderen Ideenwelten. Eine Art „nachhaltige Bio-Slow-Tech“, die die Kommodifizierung von allem online und offline bekämpft.

Ich habe das Gefühl, dass die Zeit reif ist, so etwas zu entwickeln. Ich möchte aufhören zu driften und Produkte entwickeln, die mir die Liebe zur Zukunft zurückbringen.

Es gibt immer mehr als eine Wahrheit und mehr als einen Weg – das gilt besonders für den technologischen Fortschritt. Wir brauchen nur mehr Menschen, die ihre Stimme erheben und sich uns anschließen.

Übersetzung aus dem Englischen: Robin Thiesmeyer
Redaktionelle Bearbeitung: Maria Exner

quelle: http://www.zeit.de/kultur/2016-06/entschleunigung-internet-tariq-krim/komplettansicht


(English)

Drifting

As some of my friends have noticed, over the last few years, I have not been very well. I’ve been drifting. My body and my mind were detached, like floating in the ocean and going wherever the current would take me. It was such a very weird feeling. And I knew exactly what the reason was. The uncomfortable truth is that I fell out of love with the technology world and that I am not excited by the future anymore. At least the future that is being built today.

With the terrible Paris attacks last year, I kept asking this question to myself: If the world we are building is so amazing, why would someone take a gun and kill my friends?

I couldn’t find any answer. So I escaped Paris and traveled to the first destination I could find: Bali. I was drifting again.

Bali had that incredible impact on me. Being far away from the craziness of this world, slowing down gave me the opportunity to better understand the source of my recurrent discomfort. In the world of technology, we are taught to build things fast. Sometimes too fast. But Life and people are not like lines of code. We can’t break things just to see how it will work out.

Everything we create online can have a huge impact on the real world. And we spend so little time studying the consequences of what we build. Competition for attention has slowly replaced the values of the founding fathers of the lnternet.

I have personally witnessed this change in technology. Because my daily life is now affected by the consequences of this change. I have identified at least three things that make me fear this future.

The first one is (the lack of) ownership.

For many people, entering this new digital world means the end of ownership. At first it was more like a conceptualisation. But now I can see the impact this has on my daily life.

I used to own CDs, books, magazines, art, and so many things that helped me shape my own personality. Now it’s all about subscriptions. I didn’t mind subscribing to some services until I started to see, in Paris or everywhere I would go, that it also meant closing bookstores, record shops and even public libraries. That struggling magazines have to loose some of their identity to the advertisers. And Culture is becoming increasingly commoditized. Every once in a while, some famous artist dies and my entire news feed lights up with old nostalgia videos edited overnight.
Now that I have 30 years of online experience, I truly believe that the offline world treated with much more respect subcultures than the digital world. Mega platforms have become the mac donald’s of the minds.

It scares me so much. I feel that when people don’t own anything they don’t have anything to lose.

The second one is algorithmic choice.

My relationship with content and ideas has always been obsessive and intense. Today, it’s really hard to accept the fact that the machine should decide what’s important for me. Because as good as the algorithms are, they are black boxes with very little control over them.

Of course I hear all the arguments on machine filtering. Because we live in a super busy world and because our friends are producing so much information (or noise), an entity should mediate and organise it wisely. But honestly, are we busy because of our lives or because of our tools? I reject the underlying philosophy of this new technical design.

I don’t believe we should optimize and apply machine learning to everything. Content, like life, is about finding pleasure in messy and unpredictable situations. It’s about content serendipity and friends mentorship. It’s about all these little things technology wants to make impossible in the future.

The last one is the impossibility to slow down.

There’s an incredible paradox to see the rise of meditation and mindfulness in Silicon Valley while most products that are built are designed to accelerate time and stress.

While the Dunbar number of meaningful interactions with other humans is around 120, our social graphs are breaking records every days about how many people we can talk to.

Most of the tools I have in my phone can’t help me enjoy the present time. Because none of them live in the present.

For one simple reason. On the Internet of today, the past or the present are not interesting . The new gold rush is about dominating the near future. A world where our next actions, our next intent, our chats and our searches can be turned into monetisable actions.

It has an incredible impact on who we are. We can’t be in a place without the urge of telling our friends what we do. The idea of impressing others comes before our own satisfaction of the present moment.

At any given time we are stuck in an infinite number of conversations. With humans or robots. And our mobiles are trying constantly to stimulate our senses with notifications.

Like many, I have been caught into the craziness of the last technological decade. I’ve have seen billion-user platforms emerge from the ground up without any deep thinking about how it would impact the world we live in.

I have started to engage that conversation, but in our tech world it’s taboo.

We have designed an unsustainable world for the planet and for your brains. Seriously, do we need to sell to the same people every year a slightly updated new phone with marginally better software?

I wish something different could come up. A sort of Slow web that is to technology what slow food is to processed things.

We need to give people access to other choices, other life narratives, other tools, and other ideologies. A sort of “organic sustainable slow technology” that fights this commoditization of everything online and offline.

I feel it’s time to build this and for that I want to stop drifting and get back to building products that make me love the future again.

There’s never been one truth and one path, especially in technology. We just need more people to raise their voice and be part of this.

Thanks for listening.

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