Philanthrokapitalismus – Geld für die Welt

Mark Zuckerberg besucht die Carnegie Mellon University
Mark Zuckerberg besucht die Carnegie Mellon University. Die (CMU) ist eine private Forschungsuniversität in Pittsburgh, Pennsylvania.

Warum unterstützen die großen Wohltäter aus dem Silicon Valley so gerne Bildungsprogramme? Wer sich die Projekte im Einzelnen ansieht, die etwa Mark Zuckerberg oder Bill Gates finanzieren, erkennt darin ganz klare Ziele.

Von Evgeny Morozov (english below)

Die Welt, in der Milliardäre ganz unverblümt daran arbeiteten, sie zu plündern, statt zu behaupteten, sie zu verbessern, war weit weniger verwirrend. Die Räuberbarone des Industriezeitalters wie Henry Ford, Andrew Carnegie oder John D. Rockefeller spendeten immer ein wenig von ihrem Reichtum für wohltätige Zwecke. Aber zwischen Wohltätigkeit und Profit gab es bei ihnen immer einen klaren Unterschied. Öl und Stahl brachten das Geld, Bildung und Künste halfen ihnen, das dann auszugeben.

Die Stiftungen der Stahl- und Ölmagnaten waren auch weder neutral noch unpolitisch. Die Projekte, die sie förderten, standen selten im Widerspruch zur US-Außenpolitik. Meistens vertraten sie die gleichen Werte von Modernisierung und Demokratie. Sie verfolgten einen zivilisatorischen Imperativ in ihrer Arbeit, der mitunter problematisch war. Einige Stiftungen bereuten sogar, dubiose Projekte finanziert zu haben, so wie die Rockefeller-Stiftung ihre fragwürdige Unterstützung für die indische Politik der Geburtenkontrolle durch Massensterilisierungen.

Die alten Stahl- und Ölmagnaten wie Carnegie und Ford machten nie einen Hehl aus ihrer Profitgier

Heute gehören zu den mächtigsten Konzernen der Welt fünf Technologie-Unternehmen, bei denen man kaum erkennen kann, wo ihre Geschäftstätigkeiten enden und die Wohltätigkeit anfängt. Als digitale Plattformen bilden sie die Grundlage für Industrien, das Bildungs-, Transport- und Gesundheitswesen. Damit haben sie ganz andere Möglichkeiten als die Öl- und Stahlmagnaten. Sie können als Wohltäter einfach weiter ihr Kernprodukt verkaufen. Zumeist ist das Hoffnung, verpackt in unendliche Datenmengen, Bildschirme und Sensoren. Um wohltätig zu sein, müssen Tech-Konzerne ihre Investitionen nicht aus ihrem Kerngeschäft abziehen. Ihr Kapital wird auf Posten verschoben, von denen sie langfristig auch selbst profitieren.

Die Chan-Zuckerberg-Initiative wurde von Mark Zuckerberg und seiner Ehefrau Priscilla Chan im Dezember 2015 gegründet, so hieß es, damit sie ihren Wohlstand mit der Welt teilen können. Die Initiative hat die Rechtsform einer Gesellschaft mit beschränkter Haftung, ungewöhnlich für eine Wohltätigkeitsorganisation. Zuletzt kündigten die Gründer an, dass sie drei Milliarden Dollar spenden werden, um alle Krankheiten ausrotten zu können.

Betrachtet man, wie wenig Steuern seine Firma zahlt, kann sich Mark Zuckerberg das sicher leisten. In den britischen Steuerakten steht, dass Facebook 2015 Einnahmen von 210,7 Millionen Pfund erzielte. Darauf zahlten sie 4,17 Millionen Pfund Steuern, also zwei Prozent. Und das ist schon eine tausendfache Steigerung von dem, was sie 2014 zahlen mussten.

Hier von „Philanthrokapitalismus“ zu sprechen, wie es viele tun, erscheint verfehlt. Denn die Wohltätigkeit der Tech-Konzerne hat wenig mit klassischer Philanthropie zu tun. Die philanthropischen Anstrengungen von Carnegie, Ford und Rockefeller muss man nicht bewundern. Aber ganz gleich welche politischen Ziele auch immer dahinter standen, sie waren nicht darauf ausgelegt, Profit zu generieren. Die alten Stahl- und Ölmagnaten wollten als Mäzene kein Geld verdienen. Und unsere neuen Tech-Barone? Zuckerbergs Spendenprogramm für das Gesundheitswesen hat eine zu kurze Geschichte, um das zu beurteilen. In Bildung investiert er allerdings schon länger. Nach einer privaten Spende in Höhe von 100 Millionen Dollar an Schulen in New Jersey investierte die Chan-Zuckerberg-Initiative in Unternehmen, die den Ausbau von Bildungsmöglichkeiten in Entwicklungsländern vorantreiben sollen. Die Initiative spendete für die Firma Andela. Das ist ein Start-up aus Lagos, das Programmierer ausbildet. Ähnliches tut auch GV, der Risikokapitalfonds, der zu Google gehört, sowie das Omidyar Network, ein ähnlicher Philanthropiefonds, der zu einem anderen Tech-Konzern gehört.

Zwanzig Ingenieure und Manager von Facebook helfen bei der Entwicklung der Lern-Software

Einige Wochen nach der Geldausschüttung an Andela verließ einer der Gründer das Unternehmen. So wie es aussieht, gründete er mit dem Geld von Zuckerbergs Initiative ein Start-up, das neue Zahlungsmethoden entwickelt. Es gibt offensichtlich viele gute Geschäftsgelegenheiten, wenn man die Welt rettet.

Dass man nie genau versteht, ob diese Investitionen aus Profitinteresse oder aus Eigeninteresse geschehen, ist kein Fehler, sondern ein wesentliches Merkmal. Der Gedanke hinter der Wohltätigkeit der Fords und Carnegies war es, für die Sünden eines raubgierigen Kapitalismus zu bezahlen. Die Logik, die Zuckerberg und Omidyar antreibt, besteht darin, uns zu zeigen, dass raubgieriger Kapitalismus viel Gutes tun wird, sobald er vollkommen entfesselt ist.

Die Chan-Zuckerberg-Initiative investierte auch in Byju, eine indische Firma, die eine App entwickelt hat, mit der Studenten eigenständig Naturwissenschaften und Mathematik lernen können. Das wirkt wie ein edles Unterfangen. Nur gab Zuckerberg selbst zu, dass ihn vor allem die Technologie interessiert hat, weil sie sich sehr stark auf personalisiertes Lernen verlässt, was nur möglich ist, wenn große Mengen von Nutzerdaten gespeichert und analysiert werden. Erinnert einen das nicht an das Geschäftsmodell eines großen Tech-Konzerns?

Der Schwerpunkt auf personalisiertem Lernen bestimmt auch ein anderes Bildungsprojekt, das von Zuckerberg unterstützt wird: die Lern-Software eines Unternehmens namens Summit Basecamp, für die nun mehr als zwanzig Facebook-Angestellte arbeiten, Ingenieure und Produktmanager helfen bei der Entwicklung. Die Folge davon, dass Zuckerberg so viel in Schulen investiert, ist auch, dass Summit Basecamp expandiert. Nach Recherchen der Washington Post wird die Software in mehr als 100 Schulen bereits 20 000 Mal verwendet.

Die Eltern der Schüler müssen hoffen, dass Summit Basecamp Wort hält und persönliche Daten der Schüler nicht weiter verwendet. Solche Versprechen wirken allerdings kaum glaubwürdiger als die Versprechen der Whatsapp-Gründer, dass nach der Übernahme des Konzerns durch Facebook keine Daten an Facebook weitergegeben werden. Einige Monate nach der Übernahme wurde dann verkündet, dass die Daten doch geteilt werden.

Sogenannte Charter Schools sollen die Konkurrenz im Bildungswesen beleben

Zusammen mit Bill Gates und Steve Jobs Witwe Laurene Powell Jobs investierte Zuckerberg auch in AltSchool, ein Start-up, das von einem ehemaligen Google-Manager gegründet wurde. AltSchool hievt personalisiertes Lernen auf ein ganz neues Niveau. Als wäre es von F. W. Taylors Verständnis von effizienter Arbeit inspiriert, sind die Klassenräume der AltSchool mit Kameras und Mikrofonen ausgestattet. Dadurch kann jede kleine Störung im Lernprozess analysiert und beseitigt werden. Die AltSchool will nun expandieren, indem sie Lizenzen für ihre Software verkauft.

Was heutzutage als Philanthropie gilt, ist häufig nur ein geschickter Versuch, Geld mit Technik zu verdienen. Die rational, unternehmerisch und quantitativ denkenden Unternehmer wollen damit neue Bereiche personalisierter Daten erschließen. Diese Form des Lernens kommt den großen Unternehmensberatungen und Tech-Konzernen natürlich entgegen. In einer Reportage über die AltSchool im New Yorker wurde erwähnt, dass die Schüler dort die „Ilias“ von Homer lesen und mithilfe einer Tabelle markieren, wie oft das Wort Rache im Text vorkommt. Solche Schulen werden exzellente Wirtschaftsprüfer ausbilden. Für Dichter scheinen sie eher ungeeignet zu sein.

Die Silicon-Valley-Elite unterstützt außerdem das System der Charter Schools. Das ist ein seit Langem betriebener Versuch, mehr Konkurrenz ins Bildungssystem zu bringen, indem man Schulen fördert, die privat betrieben, aber zugleich öffentlich finanziert werden. Technologie-Milliardäre von Bill Gates bis Mark Zuckerberg unterstützen dieses System lautstark. Es wäre nicht überraschend, wenn sie ihre Big-Data-Waffen als Argument dafür verwenden, dass das traditionelle Bildungssystem komplett saniert werden müsse.

Man muss vorsichtig sein, damit man nicht dem Stockholm-Syndrom verfällt und mit den Konzernen sympathisiert, die unsere Demokratie kidnappen wollen. Zum einen ist es nicht überraschend, dass der öffentliche Sektor so wenig innovativ ist. Große Tech-Konzerne zahlen eben auch wenig Steuern. Allerdings gewähren wir der Privatwirtschaft einen Vorsprung, indem wir ihre Technologien benutzen. Dadurch stellen Tech-Konzerne immer aufs Neue sicher, dass die Öffentlichkeit elegante und zugleich privatisierte Technologie-Lösungen nicht ganz so perfekten, aber dafür öffentlich getragene Lösungsmodellen vorzieht.

Dass wir nicht länger zwischen Philanthropie und Risiko-Investment unterscheiden können, gibt Anlass zur Sorge, nicht zum Feiern. Die Silicon-Valley-Elite ist sehr scharf darauf, die Welt zu retten. Doch wer rettet die Welt vor dem Silicon-Valley?

Aus dem Englischen von Lukas Latz
Quelle: http://www.sueddeutsche.de/kultur/philanthrokapitalismus-geld-fuer-die-welt-1.3212588


Rockefeller gave away money for no return. Can we say the same of today’s tech barons?

from Evgeny Morozov

Mark Zuckerberg has ploughed funds into health and education but there’s a fine line between philanthropy and speculation

A world where billionaires were blunt and forthright, where they preferred pillaging the world to saving it, was far less confusing. The robber barons of the industrial era – from Carnegie to Ford to Rockefeller – did eventually commit some of their riches to charity but there was no mistaking one for the other. Oil and steel brought in the cash; education and arts helped to spend it.

Of course, the eponymous foundations were neither neutral nor apolitical. They pursued projects that were rarely at odds with US foreign policy and often shared many of its key ideological biases and presuppositions. From modernisation theory to democracy promotion, the civilising imperative behind them was not so hard to discern. Some of these foundations have eventually come to regret many of their dubious advocacy campaigns; the Rockefeller Foundation’s imprudent support for population control in India is just one example.

Today, when five of the world’s most valuable companies are technology firms, it’s very hard to see where their businesses end and their charity efforts begin. As digital platforms, they power diverse industries and sectors from education to health to transport and thus have an option that was not available to the oil and steel magnates of yesteryear: they can simply continue selling their core product – mostly hope, albeit wrapped up in infinite layers of data, screens and sensors – without having to divert their funds into any nonproductive activities.

The Chan Zuckerberg initiative, a limited liability company (a somewhat unusual format for a charity), was set up by Mark Zuckerberg and his wife, Priscilla Chan, in December 2015, ostensibly to share their wealth with the rest of us. It has recently been in the news thanks to its founders’ ambitious commitment – to the tune of $3bn – to cure all disease.

Zuckerberg can surely afford this, given how little tax his company is paying: in the UK, its tax filings for 2015 show revenues of £210.7m, on which the company paid just £4.17m of taxes – an effective rate of 2% (itself a 1,000-fold increase on what it paid in 2014). Facebook, however, also managed to generate a tax credit of £11m, which it can use to reduce its future tax burden. The disease of tax avoidance is unlikely to be cured by the Chan Zuckerberg initiative.

To speak of “philanthrocapitalism” here – as many have done, either to praise or bury it – seems misguided, if only because such projects bear so little resemblance to philanthropy proper. One doesn’t have to admire Ford or Rockefeller to notice that their philanthropic endeavours, whatever their real political goals, were not supposed to make extra cash. But is it really so with our new tech barons?

While Zuckerberg’s commitments in the health sector are still too recent and ambiguous to judge, he has a more extensive history in education. Following Zuckerberg’s personal commitment of $100m dollars to schools in New Jersey – an investment that is yet to bring the desired results – the Chan Zuckerberg initiative has invested in companies that supposedly help expand educational opportunities in the developing world.

Thus, it has poured money into Andela, a Lagos-based startup that trains coders, joining the likes of Google (via GV, its venture fund) and Omidyar Network, a similar philanthropic investment firm belonging to another tech billionaire. A few weeks later, one of Andela’s co-founders left to found a payments startup: apparently, there are a lot of arbitrage opportunities in saving the world.

That one can never fully understand what drives these investments, a profit motive or a genuine desire to help out, is a feature, not a bug. If the logic driving the Fords and the Carnegies was to atone for the sins of rapacious capitalism, the logic of the Zuckerbergs and the Omidyars is to convince us that rapacious capitalism, fully unleashed on society, will do lots of good.

The Chan Zuckerberg initiative also invested in BYJU, an Indian company that has developed an app that teaches students science and maths. A noble endeavour, but what attracted Zuckerberg to the firm was, by his own admission, its heavy reliance on personalised learning, which, of course, is only possible when large troves of user data are recorded and analysed. Does that remind you of any giant tech company?

This celebration of personalisation is also present in another educational project supported by Zuckerberg – a learning software made by a company called Summit Basecamp. The company has the luxury of having 20 Facebook staffers, from engineers to product managers, helping it with growth and expansion – the result of Zuckerberg touring one of its schools in 2013. And expand it did: according to the Washington Post, its software is now used by 20,000 students in more than 100 schools.

Parents of these students can hope that Summit Basecamp will keep its word and that no personal data will ever leave the company. Such promises won’t be any more reassuring than those of the founders of WhatsApp, who, on being acquired by Facebook, promised to defend their users’ personal data, only to announce, a few months ago, that it will be shared with Facebook.

Zuckerberg also joined the rest of the Silicon Valley elite, from Bill Gates to Laurene Powell Jobs, the widow of Steve Jobs, in investing in AltSchool, a startup founded by a former Google executive, which takes personalised learning to a whole new level. In a good Taylorist fashion, its classrooms feature cameras and microphones so that any glitches inherent in the learning process can be analysed and engineered away. AltSchool now wants to expand by selling licences to its software to other schools.

What passes for philanthropy these days is often just a sophisticated effort to make money on engineering the kinds of rational, entrepreneurial and quantitative souls that would delight at other types of personalisation. Such learning is, of course, well suited to the needs of consulting firms and technology giants. A recent profile of AltSchool in the New Yorker mentioned that its students read the Iliad armed with a spreadsheet where they mark how many times the theme of “rage” occurs in the text. Such schools can produce excellent auditors; poets, however, might need an alternative, to, well, the AltSchool.

The very same technology elites are also backing the charter school movement – a longrunning effort to bring more competition to the educational sector by supporting privately run but publicly funded educational initiatives. From Gates to Zuckerberg, technology billionaires are vocal defenders of this movement. It won’t be surprising if they deploy their big data weapons to advance the argument that the traditional educational system must be completely overhauled.

We should be careful not to fall victim to a perverse form of Stockholm syndrome, coming to sympathise with the corporate kidnappers of our democracy. On the one hand, given that the new tech billionaires pay very little tax, it’s not surprising that the public sector would fail to innovate as quickly. On the other, by constantly giving the private sector a head start through technologies that they own and develop, the new tech elites all but ensure that the public would rather choose slick but privatised technological solutions over quaint, but public, political ones.

That we can no longer differentiate between philanthropy and speculation is an occasion to worry, not celebrate. With Silicon Valley elites so keen on saving the world, shouldn’t we also ask who will eventually save us from Silicon Valley?

source: https://www.theguardian.com/

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