Müssen wir die Wirtschaftstheorie neu denken?

von Trexer (Eigenes Werk) [GFDL oder CC-BY-SA-3.0], via Wikimedia Commons

Die herkömmlichen Ökonomie-Lehrbücher vertreten nur die eine Theorie: die Neoklassik, die auf einem mechanistischen Weltbild basiert. Der Mensch ist hier ein Nutzenmaximierer, ein Homo oeconomicus. Das ist im Curriculum der Cusanus Hochschule anders. Dort wird der Humanismus gelehrt.

Von Nora Bauer

Studierende gegen den Homo Oeconomicus

„What they show you here is the wealth and income from 1900 …“

„We walk Mankiw! We walk Mankiw! Thank you for coming out! We are incredibly grateful to send a powerful message to Gregory Mankiw!“

Am 7. November 2011 verließ eine Gruppe von etwa 70 Studierenden den Einführungskurs „The Principles of Economics“ des Harvard-Professors und ehemaligen Wirtschaftsberaters von George W. Bush Gregory Mankiw, unter lautem Protest. Ihre Forderung: „It’s time for economic theory to evolve!“ – „Es ist Zeit, die Volkswirtschaftslehre weiter zu entwickeln!“

Einige Monate später im Juni 2013 verabschiedete sich eine Gruppe Studierender der Volkswirtschaftslehre mit demselben Schlachtruf auf den Lippen von der Universität Bayreuth.

„Da hatte man … die ganz normalen VWL-Einführungskurse belegen müssen zusammen mit 400 bis 500 Menschen, in der Statistik teilweise bis zu 1000 Leuten im Hörsaal, wo einfach ein bestimmter Lehrbuch-Kanon mit festgesetzten Wahrheiten sozusagen irgendwie dasteht und … wenn man kritische Fragen stellt irgendwie eher auffällt, und dann schon andere Studenten sagen, ‚Entschuldigung, wir müssen das für die Klausur wissen, dafür haben wir jetzt gerade keine Zeit.'“

Florian Rommel hat in Bayreuth mit anderen Studierenden der VWL den Arbeitskreis „Plurale Ökonomik“ gegründet: aus Protest gegen die verkrusteten Strukturen im Studium und die Monokultur in der Lehre. Nicht nur lernten weltweit alle Studierenden dasselbe nach einem international einheitlichen Kanon von Lehrbüchern – in diesen Lehrbüchern sei auch nur eine einzige wissenschaftliche Theorie vertreten, die sogenannte Neoklassik. Das sei, als ob im Psychologie-Studium nur Sigmund Freud gelehrt werde.

„Es ist irgendwie klar, dass pro Vorlesung irgendwie dreißig, vierzig Folien oder wie viele auch immer geplant sind und wenn man damit nicht durchkommt, … dann bleibt irgendwas auf der Strecke. Und dadurch, dass die Bildung so stark standardisiert ist und in allen Hochschulen alle dasselbe lernen, ist natürlich irgendwie ein gewisser gefühlter Wettbewerbsdruck da, dass man da irgendwie durchkommt.“

Gemeinsam mit anderen Gruppen Studierender veröffentlicht der Arbeitskreis „Plurale Ökonomik“ über das Internet einen globalen Aufruf zum Kurswechsel in der ökonomischen Lehre. Vierzig Studentengruppen aus 19 Ländern schließen sich der Forderung nach einer Öffnung des Theorie-Kanons an.

Der Mainstream in der Lehre


„Gut, also da gibt es zwei Aspekte, einerseits sollte natürlich weltweit immer ‚the state of the art‘, also der aktuelle Forschungsstand auch unterrichtet werden und dazu ist es wichtig, dass die Methoden, die die Lehrbücher lehren, ähnlich sind, dass die übernommen werden weltweit, aber man sollte natürlich auf spezifische Bedingungen in den einzelnen Ländern eingehen und das machen die Lehrbücher dadurch, dass es eben regionale Ausgaben gibt. Aber der Kanon der Grundmethoden sollte meines Erachtens natürlich schon international vergleichbar sein.“

Verteidigt Gerhard Illing, Professor für Makro-Ökonomie an der Ludwig Maximilians Universität in München, den internationalen Einsatz der Lehrbücher. „Macro-Economics“ und „Principles of Economics“, die Lehrbücher von Gregory Mankiw, von denen das letztere eine Auflage von mehr als einer Million erreicht hat, wurden in 20 Sprachen übersetzt. Sie finden sich praktisch in jeder Universitätsbibliothek weltweit und in jedem Handapparat eines Ökonomiestudenten.

„Die meisten Lehrbücher werden so in Ko-Autorenschaft geschrieben, nicht, ich habe ja die deutsche Version eines Lehrbuchs, das international sehr stark verbreitet ist und das im wesentlichen … Olivier Blanchard, der mal Chef-Volkswirt beim IWF war, mittlerweile pensioniert ist, entwickelt hat, und das versucht jetzt praktisch die verschiedenen Theorie-Richtungen in der Makro-Ökonomie, die sich im Lauf der Zeit entwickelt haben zu integrieren in ein einheitliches Konzept, und insofern kann man sagen, das ist vielleicht ein methodischer Kanon.“

Die Kritik an der Lehre des Mainstreams aus ihrer Geschichte

„Die Methode, die heute gepflegt wird, die wird als allgemein in den Lehrbüchern dargestellt, oder als allgemeingültig, mit einem gewissen Wahrheitsanspruch sogar.“

Silja Graupe, Professorin für Ökonomie und Philosophie, ist seinerzeit von der Arbeitsgruppe „Plurale Ökonomik“ als Dozentin eingeladen worden, eine kritische Standortbestimmung der „Mainstream-Ökonomik“ vorzunehmen. Heute ist sie kommissarische Präsidentin der neugeründeten Cusanus Hochschule in Bernkastel-Kues.

„Sie kommt eigentlich … aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, wo Ingenieure und Ökonomen gemeinsam versucht haben, … die Mechanik und die Mathematik, die mechanische Physik, eins zu eins eben auf den Menschen und auf die Wirtschaft zu übertragen, also es ist eine eins zu eins Adaption eines mechanistischen Weltbildes, was bis in die Formeln eben wirksam wird.“

Die Ökonomen der ersten Stunde verließen sich auf die Genauigkeit der Mathematik um ihrem Fach ein wissenschaftliches Fundament zu verpassen. Als Analogie zur Physik wurde der Energieerhaltungssatz der Mechanik Isaak Newtons verwendet. Der Verlust von Energie ist danach nicht möglich. Energie lässt sich von der einen in die andere Form verwandeln. Aber dieser Prozess ist in geschlossenen Systemen irreversibel.

Die Ökonomen ersetzten die potentielle Energie eines Körpers durch Nutzen, die Kraft, die benötigt wird, um ihn in Bewegung zu versetzen durch Grenznutzen und die Bewegungsenergie, die damit erzeugt wird, durch Ausgaben, und verliehen der Ökonomik auf diesem Weg die Strenge der rationalen Mechanik.

„Die Grundüberlegung ist eigentlich immer, dass ich von zwei Seiten ausgehe. Einmal die Konsumenten, wo ich versuche Individuen so zu modellieren, dass sie einfach ihren Nutzen maximieren, und darüber auch jede Nutzenabwägung mathematisch fassen kann. … Die andere Seite ist dann eben die Produktion, … und dann gibt es eben das Marktmodell, wo sich die aggregierte Nachfrage und … das aggregierte Angebot schneiden, deswegen auch die Gleichgewichtstheorie … und man dann sozusagen in diesen beiden Kurven denkt und einfach nur schaut, welche Variablen wirken jetzt wie auf diese Kurve.“

Die Lehre von der Ökonomik entstand als Reaktion auf die Französische Revolution, man strebte die Berechenbarkeit des Volkszorns und die Vorhersagbarkeit menschlichen Verhaltens an. Die Figur des „Homo Oeconomicus“, des immer ökonomisch gleich rational handelnden Menschen, führte der britische Nationalökonom John Stuart Mill um die Mitte des 19. Jahrhunderts in die Lehre von der Volkswirtschaft ein.

Das Modell beschreibt die Entscheidungsfindung eines Menschen, der immer eine vorausgesetzte Mangelsituation durch sein Handeln zu überwinden trachtet. Dieses implizite Streben nach ‚Mehr‘ wird in mathematischen Funktionen der Integralrechnung dargestellt. Ein ökonomisch handelnder Mensch, so die Annahme, handelt nach Präferenzen. Die Ökonomen drücken diese sogenannte Präferenz-Relation in einer Formel aus und die hört sich dann so an:

„X1 wird X2 strikt vorgezogen oder X2 wird X1 strikt vorgezogen oder der Akteur ist X1 und X2 gegenüber indifferent, vorausgesetzt die Zustände X1 und X2 sind Zustände von X.“

Dem „Homo oeconomicus“ stehen also nur diese drei Möglichkeiten als rationalem gleich ökonomischem Handeln offen. Die Zustände der Welt werden dargestellt als X1 bis unendlich. Diese werden charakterisiert durch verschiedene Eigenschaften, zum Beispiel eine Menge an konsumierten Gütern – wobei als rational angesehen wird, dass er sich immer für das größere Güterpaket entscheidet – die soziale Situation, Krieg oder Frieden.

Das Modell des ökonomisch handelnden Menschen

„Der eheste Erfahrungszugriff ist, dass Sie vor einem Supermarktregal stehen, Sie haben feste Mittel in der Hand, … das ist das Geld, und dann haben Sie 25 verschiedene Müsli-Packungen und zwischen denen können Sie auswählen. … Und in ökonomischen Lehrbüchern steht jetzt nicht nur dieser Supermarkt-Konsument, sondern zum Beispiel steht da auch: die Gesellschaft muss zwischen Krieg und Frieden wählen. Und das wäre so wie zwischen Kanonen und Butter zu entscheiden, die am gleichen Maßstab des Geldes gemessen werden. Krieg und Frieden sind aber keine Varianten aus denen man auswählen kann, das sind keine Müsli-Packungen, sondern es sind soziale Prozesse, die sich in sich verändern, die dynamisch sind, die man gestalten kann. Und dieser Gestaltungsaspekt liegt dem Homo oeconomicus völlig fern.“

Dass sich der Mensch in der Wahl zwischen Krieg und Frieden freiwillig für den Krieg entscheidet, weil sich damit mehr Geld verdienen lässt, ist spätestens seit Berthold Brechts „Mutter Courage“ bekannt. Die Volkswirtschaftlehre sieht sich als Sozialwissenschaft, verhandelt aber nur den eingeschränkten Bereich der Marktbeziehungen, bzw. der Interaktion von Menschen in wirtschaftlichen Kontexten, also beim Konsum von Gütern – sie ist die Wissenschaft der Konsumgesellschaft mit dem Homo oeconomicus als zentraler Figur. Sein wachstumsorientiertes Verhalten bestimmt die Berechnung von Angebot und Nachfrage. Aber die soziale Realität lässt sich damit nicht wiedergeben.

Die Theorie der Konsumgesellschaft

„Das Problem ist, dass man in diesen Angebots- und Nachfrage-Modellen praktisch keine real-weltlichen Institutionen hat, da ist irgendwie keine Zentralbank drin, oder da ist kein Finanzmarkt, … sondern das ist dann immer der übliche Narrativ, so, wenn sich junge Studierende fragen, was man mit diesen Modellen eigentlich machen kann, dann wird gesagt, naja, ihr müsst erst mal mehr Mathematik lernen und diese Sprache verstehen lernen und dann können die Modelle komplexer werden. Und … eine Klasse von Modellen, die mit zu den komplexesten momentan gehört sind die Dynamisch-Stochastischen-Gleichgewichts-Modelle …“

Der Begriff Stochastik kommt aus dem Alt-Griechischen und bedeutet so viel wie die „Kunst des Ratens“, ein Teilbereich der Spieltheorie.

„… sogenannte DSGE-Modelle, und die bestehen dann … zumeist aus drei Differential-Gleichungen, nicht mehr nur aus zweien. Aber da kann man dann zumindest anfangen, bestimmte Variablen und Termini einzufügen, wo man sagen kann, da denkt man jetzt irgendwie einen Kreditkanal oder bestimmte Aspekte. Und das hat man eben leider im Prinzip erst in der Breite seit der Finanzkrise gemacht.“

Ein zentraler Vorwurf, den nicht nur Florian Rommel erhebt, ist die Tatsache, dass berühmte Ökonomen mit ihren Methoden die Finanzkrise von 2008 weder vorhersehen, noch adäquat erklären konnten. Weil sie eine gesellschaftliche Krise jenseits der Konsum-basierten Markttheorie war. Gregory Mankiw erklärt noch im April 2017 in einer beliebten amerikanischen Talkshow, den Conversations mit Bill Kristol, produziert von der Foundation for Constitutional Government:

„Eines der Bücher über langsames Wachstum, das in letzter Zeit viel Aufmerksamkeit erregt hat, stammt vom Robert Gordon von der Nord-West-Universität, es heißt: ‚Der Aufstieg und Niedergang des Amerikanischen Wachstums‘. Seine Erklärung ist, dass frühere Generationen Zeuge eines technischen Fortschritts waren, der ihr Leben fundamental verändert hat. Wir haben auch technischen Fortschritt, aber wenn Sie Ihre 140 Zeichen auf Twitter eintauschen sollen gegen Ihren Abwasser-Anschluss, fällt die Wahl sicher leicht. Heute gibt es keinen vergleichbaren technischen Fortschritt vergangener Generationen. Ich weiß nicht ob es stimmt, aber das ist eine plausible Erklärung. Seine Position ist, dass die industrielle Revolution uns nicht auf ewig drei Prozent Wachstum bescheren wird. Es gab eine Periode des rasanten Wachstums und jetzt wird alles wieder normal, wir wachsen noch, aber in einem viel langsameren Tempo. Ich bin bereit, mich Bobs Diagnose über die kürzlichen Ereignisse anzuschließen.“

„Das war genau das Problem, dass als die Finanzkrise kam, eigentlich die gängigen DSGE-Modelle, … die Krise als einen Rückgang im technischen Fortschritt interpretiert haben, weil das einfach die sogenannte Puffervariable ist, wo man einfach sagt, naja, wenn jetzt Wachstum da war, woran wird’s gelegen haben, na, wahrscheinlich ist irgendwie die Technik besser geworden und es gab einen Produktionsfortschritt. Und als die Krise dann zu diesen großen Einbrüchen geführt hat, haben die Modelle dann automatisch, weil sie ja keinen Finanzmarkt haben, einfach gesagt, ah ja, jetzt ist der technische Fortschritt zurückgegangen.“

Die Antwort des Mainstreams auf die Kritik

„Volkswirtschaft ist ein ziemlich komplexes Gebiet, und da braucht man verschiedene Fähigkeiten, und eine der Fähigkeiten ist eben das Denken in mathematischen Modellen. Das ist das, was viele Studenten abschreckt.“

Gerhard Illing von der Ludwig Maximilians Universität aus München glaubt immer noch nicht, dass eine Revolution der Lehrbücher kommen wird, obwohl die ersten Absolventen des Ökonomik-Master-Studienganges der Cusanus Hochschule wie Florian Rommel ihre neu erarbeiteten Paradigmen längst in die Welt tragen.

Ein breiterer Ansatz der Lehre jenseits der Mathematik erscheint dem Neoklassiker nicht zielführend. Auch die relevanten Geldinstitute sehen keinen Änderungsbedarf. Die Bundeszentralbank kann zum Thema keine Einschätzung geben und die Europäische Zentralbank hält sich bei der Bewertung solcher Debatten bzw ökonomischer Strömungen zurück, wie auf Anfrage in einer Email formuliert wird, und steht für einen Kommentar ebenfalls nicht zur Verfügung.

„Wenn man gute Argumente hat, dann kann man die am besten verteidigen mithilfe entsprechender solider mathematischer Modelle. … Ich habe schon manchmal den Eindruck, dass aus Frustration über die Komplexität der formalen Modelle so die Kritik kommt, und dass eben da die Forderung kommt, dass man auch verbale Argumentationsrichtungen, die den traditionellen Einsichten völlig widersprechen, zulassen sollte.“

„What they show you here is the wealth and income from 1900…“

„We walk Mankiw We walk Mankiw Thank you for coming out! We are incredibly grateful to send a powerful message to Gregory Mankiw!! …

„He’s a perfect example of how Harvard treats economic inequality…“

„Let’s go!!“

Was ist eigentlich Bildung?

Aus den Synergien vieler Unzufriedenheiten kann eben doch etwas vollkommen Neues entstehen. Die Studierenden des Arbeitskreises „Plurale Ökonomik“ aus Bayreuth haben 2013 gemeinsam ihre Alma Mater verlassen. Unter Anleitung von Silja Graupe, die sie als Dozentin der Philosophie und Ökonomie im Arbeitskreis schätzen gelernt haben, und des Professors der Philosophie Harald Schwaetzer, haben sie eine Hochschule gegründet, die 2015 vom Wissenschaftsrat anerkannt wurde. Die einzige akademische Neugründung in Deutschland seit langen Jahren.

Private Hochschulen werden auch in Deutschland als Vermögensanlage und für den Profit gegründet, Renditen bis zu 20 Prozent können durch Studiengebühren erzielt werden. Ein Bildungsideal wird dabei nicht angestrebt. Das ist bei der Cusanus Hochschule in Bernkastel-Kues an der Mosel anders. Der Sinn dieser Neugründung liegt gerade darin, den Gedanken der ‚alten Universität‘ zu bewahren.

„Das humanistische Verständnis ist, sich die … Regeln des eigenen Lebens selbst zu setzen. Und das in sozialer Verantwortung. Ist jetzt keine Beliebigkeit. … Wir sagen, es geht uns auch darum, ein anderes Bild vom Menschen da draußen, vom wirtschaftlichen Akteur zu vermitteln. Aber warum diese Hochschule gegründet ist – Sie sagen, der Homo oeconomicus wohnt hier nicht mehr – dass die Studierenden … sich nicht mehr zu einem solchen Modell machen lassen.“

Der humanistische Bildungsgedanke, das Ideal der Aufklärung, stammt wie die mechanische Grundidee der Wirtschaftswissenschaft ebenfalls aus dem frühen 19. Jahrhundert. Es ist quasi der Gegen-Entwurf.

Die Universal-Bildung für alle Stände soll den mündigen Bürger, „der dem Staat nutzt, wie der Staat ihm nutzt“, erzeugen. Eine Idee, die Menschen in die Selbstverantwortung und Freiheit entlassen soll. Das Konzept wird dem preußischen Diplomaten, Bildungspolitiker und Sprachphilosophen Wilhelm von Humboldt zugeschrieben.

„Der wahre Zweck des Menschen … ist die höchste und proportionierlichste Bildung seiner Kräfte zu einem Ganzen.“

„Wir haben … sehr stark erlebt, was es für einen Bildungsprozess bedeutet, wenn man unter den Bedingungen von Bologna unterrichtet, … gesprochen aus der Tradition eines humanistischen Bildungsideals. Und in den Besprechungen und Überlegungen in diesem Prozess, hat sich halt nach und nach gezeigt, dass es interessant und wichtig sein könnte, beispielhaft eine Institution, ein Hochschule ins Leben zu rufen, an der man das wie exemplarisch, praktisch auch ausprobiert und nicht nur Aufsätze oder Zeitungsartikel darüber verfasst.“

Harald Schwaetzer zeichnet für das Philosophie Curriculum verantwortlich. 90 Studierende zählt die Cusanus Hochschule in ihrem zweiten Lebensjahr. In der Philosophie unterrichten vier Professoren, in der Ökonomie sind es drei Kollegen. Silja Graupe lehrt neben der Ökonomie auch Philosophie, die anderen sind Wirtschaftsgeschichtler oder kommen aus der interdisziplinären Institutionen-Forschung. Diese Besetzung schlägt sich im Angebot des Curriculums nieder:

„Gesellschaftsgestaltung“ als Studienschwerpunkt

„Bachelor-Studiengang Wirtschaftswissenschaften mit interdisziplinärer Ausrichtung – Schwerpunkt Soziale Verantwortung. 1. und 2. Semester: Wirtschaft im 21. Jahrhundert, Kontexte wirtschaftlichen Handelns, Grundlagen der ökonomischen Methoden, des wissenschaftlichen Arbeitens, des Managements. 3. und 4. Semester: Ethik, Nachhaltigkeit und Unternehmenskommunikation, Sozialtheorie, Kulturgeschichte, Institutionen-Theorie.
5. und 6. Semester: Geld und Gesellschaft, Organisationskultur, Politische Theorie, Wirtschaftspolitik und Gemeinwohl. Vier Blöcke ‚Studia humanitatis‘ und zwei Blöcke ‚Reflexion eigenen Engagements‘ begleiten den Bachelor-Studiengang.“

Nach der Bachelor-Arbeit lässt sich das Master-Studium mit Schwerpunkt „Gesellschaftsgestaltung“ anschließen.

„Auch hier werden vier Blöcke ‚Studia humanitatis‘ angeboten. Seminare im 1. Semester: Ökonomie und Ökonomisierung, Kulturgeschichte des Denkens über Wirtschaft, im 2. Und 3. Semester: Wirkungsforschung, Institutionen-Gestaltung, Interdisziplinäre Methoden, dazu größere eigene Forschungsprojekte, und im 4. Semester Gesellschaftsgestaltung.“

„Nicht umsonst ist eine Cusanus-Hochschule eine Cusanus-Hochschule. Die Grundidee dieser Unfestgelegtheit des Menschen, die Fähigkeit zu kreativer Schöpfung, die im menschlichen Wesen liegt, die Bezogenheit einer Gemeinschaft kreativer Menschen, all das sind ja so Grund-Ideen Cusanischen Denkens an der Stelle. Und da greifen wir sehr bewusst bis in ein 15. Jahrhundert zurück.“

„Die genuine Idee, die wir hier in der Cusanus Hochschule verfolgen, jetzt nicht nur aus der Ökonomie sondern aus der Philosophie kommend ist, dass der Mensch die Fähigkeit zur kreativen Selbstgestaltung hat, … es ist nicht eine Wahlfreiheit, sondern eine genuine Gestaltungsfähigkeit des gesamten individuellen und sozialen Kontexts, aus dem Alternativen überhaupt hervorgehen können.“

Lernen und Leben an der Cusanus Hochschule

„Sehr konkret stand ich vor der Entscheidung einen Master in Philosophie oder Psychologie zu machen, hatte mehrere Angebote für einen Masterstudiengang in verschiedenen Städten Deutschlands, hatte aber … die Frage für mich entwickelt, wo kann ich denn so leben und studieren, dass ich wirklich denken darf mit anderen Menschen, dass ich mit anderen Menschen in einem Seminar sitze und das Gefühl habe, die wollen auch gerade da sein, die haben ähnliche Fragen oder andere Fragen, und wir teilen uns diese Fragen mit. Und als ich dann von der Cusanus Hochschule erfuhr, kam dieses Gefühl auf, … wenn die das ernst meinen, was die da sagen, welches Bildungsideal sie leben wollen, wie man hier miteinander lernen kann, lernen darf, dann muss ich hierher.“

Carmen Nik Nafs macht ihren Master in Philosophie an der außergewöhnlichen Hochschule, die benannt ist nach dem deutschen Universalgelehrten Nikolaus Cusanus, geboren 1401 in Bernkastel-Kues, der schon zu Lebzeiten weit über die Grenzen des deutschsprachigen Raumes hinaus als Philosoph, Mathematiker und Kirchenrechtler berühmt war.

Ganz im Geist dieses Philosophen haben die Studierenden ihr gemeinschaftliches Leben während der Seminare, die immer in mehrtägigen Blöcken unterrichtet werden, organisiert. Gleichzeitig mit der Hochschule haben sie den Verein der Studierendengemeinschaft gegründet. Als erstes hat der Verein die ehemalige Jugendherberge, eine kleines Schloss auf dem Berg hoch über der Mosel, vom Deutschen Jugendherbergswerk angemietet.

„In einem Weinörtchen wie hier passiert es natürlich, dass man abends auch mal woanders versackt, aber es ist der Lebensort für alle, die zum Studieren hierher kommen.“

„Dann gab‘s verschiedene Grüppchen, Referate, wie man es nennen möchte, wo sich dann ein paar Leute ums Essen gekümmert haben, … dass wir Großhandelsbestellungen ökologischer Lebensmittel machen, lokal von den Biobauernhöfen aus der Region irgendwie Sachen beziehen, ein Stipendien-Modell aufgesetzt haben für uns selber, es gab auch eine Finanzgruppe, die versucht hat Mittel unabhängig von der Hochschule einzuwerben, dass wir unter uns Studierenden sozusagen solidarisch irgendwie ausgleichen können, bei denjenigen, die sich das Studium nicht finanzieren können.“

„Nikolaus Cusanus hat ein Spiel erfunden um seine Philosophie anschaulich zu machen: das Globus-Spiel, wofür es einen … Holzball, eine Kugel gibt, eine gedrechselte, in der also wie eine zweite Kugel ausgespart ist, also in der eine Delle sich befindet, so dass diese Kugel nicht geradeaus rollt, sondern in einer Spirale zu einem Mittelpunkt hinstrebt, und die Idee ist, dass man diese Kugel in ein Spielfeld wirft, von auf den Boden gezeichneten Kreisen, neun Stück konzentrisch, und dass diese Kugel sozusagen für den Menschen steht, die Ausdellung für die Unperfektheit des Menschen, wo man ein Wissen um das eigene Nicht-Wissen, um die eigene Imperfektion erwerben muss und sich dennoch … ins Leben wirft und lernt mit seiner eigenen Schwäche umzugehen.“

Quelle: http://www.deutschlandfunkkultur.de/studierende-gegen-den-homo-oeconomicus

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